Ergänzungen, Stand vom 2. 10. 2006
Ich möchte daher ausgehend von der griechischen Agora - dem Kommunikationszentrum im antiken Athen - zeigen, daß sich vieles auf das Internet - als eine globale Agora - durch Verallgemeinerung übertragen läßt.
Ich sehe dabei - wie im griechischen Urbild - in der globalen Agora ein wesentliches Instrument der Demokratisierung. Einer Demokratisierung bei der jeder mit jedem in Kommunikation treten kann, ohne dabei aber seine eigene Kultur, seine Sprache preisgeben zu müssen.
Es wird sich aber auch zeigen, daß für globale Kommunikation eine gemeinsam genutzte Sprache, deren nationaler Ursprung in den Hintergrund tritt, genutzt werden muß.
Das Internet ist ein - das - verteiltes, egalitäres Informations- und Kommunikationssystem.
Das Internet ist wesentlich dezentral; es besteht aus einem Netz grundsätzlich gleichberechtigter Knoten, die Informationen speichern und Verbindungen zwischen diesen Knoten. Es gibt keine zentrale Kontrolle.
Diese Dezentralisierung wurde im Vorgängersystem, dem DARPA-Net des US-Verteidigungsministeriums bewußt geplant, um in der Zeit des kalten Krieges durch lokale Zerstörung des Systems nicht tödlich verwundbar zu sein.
Diese Eigenschaft blieb auch bei der Übertragung in den zivilen, zunächst vor allem wissenschaftlichen Bereich erhalten. Das gilt noch heute mit ca. 100 Millionen Nutzern und Millionen Servern.
Diese Dezentralisierung und die Vernetzung machen es Putschisten (vgl. beim Gorbatschow-Putsch) oder Diktatoren nahezu unmöglich, die eigene Bevölkerung von der Welt zu isolieren. Sie verhindert im Prinzip auch Meinungsmonopole, wenn auch starke kommerzielle Kräfte intensiv versuchen, das Internet zu kommerzialisieren und zu beherrschen.
Ich sagte "im Prinzip", da mir klar ist, daß der hohe Aufwand für gut gestaltete und inhaltsreiche Web-Seiten nur von großen finanzstarken Institutionen getragen werden kann.
Jedoch hat jeder einzelne Bürger heute die Möglichkeit, eine eigene Homepage (ein international gebräuchliches Wort) und beliebige daran angebundene Informationen ohne jede Zensur in eigener Verantwortung weltweit anzubieten.
Das ist ganz und gar nicht selbstverständlich!
Das Internet ist durch diese prinzipielle Gleichheit aller Nutzer, durch die Unmöglichkeit zentralistischer Kontrolle, durch die Freiheit, sich anzusehen, was man will (Browsing), bzw. des Rechts der freien Meinungsäußerung in eigener Verantwortung (eigene Homepage) sehr demokratisch.
Wie es keine zentrale Kontrolle gibt, so gibt es auch wenig Möglichkeiten, (für irgend jemand) unerwünschte Informationen auszuschalten; keine zentrale Strafinstanz.
Interessanter ist aber die netzspezifische Strafe des "Flaming". Hier zeigen die anderen Nutzer (oder eine Gruppe von Nutzern) über das Netz selbst ihre Mißbilligung dadurch, daß sie dem "Offender" so intensiv mit Emails "bombardieren", daß sein Briefkasten blockiert wird. Der so Bestrafte ist durch das Flaming - zumindest auf Zeit - von jeder weiteren Kommunikation ausgeschlossen.
Die Analogie zum Ostrakismos (dem "Scherbengericht" durch die Bürger, das zur Verbannung führte) auf der Agora in Athen liegt nahe.
Wenn man die Literatur verfolgt, hört man immer wieder Klagen über den möglichen Mißbrauch des Internet (z.B. für links- oder rechtsextreme, fundamentalistische Kontakte, für Anleitungen zum Bombenbau, für Kinderpornographie, ...)
Damit verbunden ist oft die Forderung, das Internet einer rigorosen Kontrolle zu unterwerfen.
Wer bestimmt aber international, was erwünscht, was korrekt, was erlaubt ist?
Die UNO, eine Welt-Informations-Polizei, oder wirtschaftlich übermächtige Betreiber-Firmen ...?
Die Konsequenz und zugleich die Ursache rigoroser Kontrolle ist aber immer eine Machtkonzentration, eine Zentralisierung. Sie ist mit der Gefahr einer Zensur einerseits und eines Informationsmonopols andererseits verbunden.
Wie (und durch wen) wägt man die Vor- und Nachteile der "freien Informationskultur" gegeneinander ab?
Ein weiser und guter "Gottkönig" ist sicherlich der besten Demokratie überlegen; die schlechteste Demokratie ist aber einem zentralistischen Diktator weitaus überlegen.
(W. Churchill sagte einmal: "Die Demokratie ist die schlechteste Regierungsform; aber wir kennen keine bessere.")
Viele zunächst gut gemeinte Herrschaftsstrukturen mutierten ins Böse. Das kann auch in einer Demokratie geschehen; dort gibt es aber im Prinzip die Möglichkeit der Selbstregulation.
Ich möchte nun zeigen, daß das eben beschriebene Internet viele Parallelen zur Agora im klassischen Athen (der ersten Demokratie der Welt) hat; ja daß es deren Stärken und Schwächen global generalisiert.
Die Agora, war zunächst die Bürgerversammlung, später der Marktplatz von Athen und in anderen Städten. Das römische Forum hatte eine ähnliche Funktion.
Die Agora war damit ein Raum für jede Art von Kommunikation. Jeder Bürger konnte an ihr teilnehmen, sei es passiv, sei es aktiv.
Wichtig war dabei die unmittelbare Nähe, die Unmittelbarkeit der Kommunikation.
Damals war sie nur durch gleichzeitige Anwesenheit am Marktplatz möglich, nun bietet das Internet weltweit eine virtuelle gleichzeitige Anwesenheit im "globalen Dorf", auf der globalen Agora.
Typisch sind hier neben dem WWW die Newsgroups (Interessengruppen), bzw. im Extremfall das Chatting ("Tratschen" über das Internet).
Daß Kapazitätsgrenzen der Leitungen oft zu Verlangsamung führen ist ein praktisches, jedoch kein prinzipielles Problem. Auch ein Marktplatz kann überfüllt sein ...
Auf der Agora konnte man - in eigener Verantwortung - Positives und Negatives tun. Was positiv, bzw. negativ war, verantwortete der Einzelne (auf Grund der Gesetze, der ungeschriebenen Verhaltensnormen, ...) oder die Gruppe.
Auf der Agora konnte man aktiv handeln, sich beteiligen, oder einfach passiv zuhören und zuschauen.
Positive Aktionen konnten sein:
Vielmehr bilden sich lokal und temporär Gruppen, die etwas gemeinsam behandeln, verabreden, sich informieren, ... und wieder auseinandergehen, sich neu formieren, usw.
Auf der Agora gab es eine dominierende Sprache - Griechisch - und viele lokale und regionale Dialekte. Eine gemeinsam - von den meisten zumindest passiv beherrschte - Sprache ist für diese Art der Kommunikation wesentlich.
Sie wird durch die weitgehende Freiwilligkeit der Kommunikation aber eher als neutrales Verständigungsmittel verstanden, denn alls politisch aufgezwungen.
Dies ist eine Form eines selbstregulierenden Chaos, in dem viele Möglichkeiten offenstanden, auch die, sich in der Menge zu verlieren, den gesuchten Partner nicht zu finden; aber auch die sich zu verstecken, unter falschem Namen aufzutreten, ...
Diese Athener Agora unterscheidet sich durchaus vom Marktplatz eines kleinen Dorfes. Dort ist alles viel kleiner und überschaubarer, jeder kennt jeden, durch die Überschaubarkeit herrscht viel mehr soziale Kontrolle.
Auf der Agora einer Großstadt ist vieles unüberblickbarer, man kann die leicht Übersicht verlieren, manche Menschen kennt man, die meisten anderen nicht. Die Agora ist anonymer.
Der heute für die Informationsgesellschaft häufig gebrauchte Begriff des globalen Dorfes ist aus diesen Gründen meiner Meinung nach weniger passend als der der globalen Agora.
Das Internet als globale Agora umfaßt nun nochmals viel mehr potentielle Teilnehmer. (100 Millionen dzt.)
Ich erwarte mir vom Internet und vor allem von dessen Teilnehmern:
Nützen wir die Chancen, vermeiden wir die Gefahren und bleiben wir offen für das Neue ...
V. Risak