Ergänzung zu "Das Internet - eine globale Agora"

Stand vom 19. 5. 2010 (2. 10. 2006)

Allgemeines:

Versionsgeschichte

Im Artikel "Das Internet - eine globale Agora" beschrieb ich, wie man den antiken Marktplatz in Athen als Muster für den globalen Marktplatz "Internet" sehen kann. Ich betonte dabei die Bedeutung der freien Zugänglichkeit für alle Bürger des Internet. Damals wie heute konnte man frei den Grad der eigenen Aktivität wählen, vom Zuschauen/Zuhören Browsing), über das Mitdiskutieren (Chat, Foren, Wikis,...) bis hin zum aktiven Verkünden (eigene Seiten ins Netz stellen, Blogs, ...).

In den letzten Jahren ereignete sich eine starke Verschiebung weg von statischen Seiten (Web 1.0) hin zum dynamischen Internet (Web 2.0).

Heute wie damals überwiegt der passive Gebrauch dieses Mediums bei weitem. Hier besteht die Freiheit darin, beliebige Inhalte anzusehen. Dass auch dieses Browsing-Verhalten von den Service-Providern, Geheimdiensten, ... automatisch mitgeschrieben und im Sinne des Data Mining ausgewertet werden kann, ist den wenigsten Teilnehmern am Internet bewusst. Heute befinden wir uns in einem Zustand, der hinsichtlich der Überwachung weit über die negative Utopie "1894" von G. Orwell hinausgeht.

Kritischer beachtet wird die Freiheit der Rede (in den USA "first amendment"). Wie im alten Athen können am Marktplatz Internet auch heute positive, neutrale und negative Inhalte ins Netz gestellt, und damit allgemein zugänglich gemacht werden.

Einige Staaten versuchen eine aktive Zensur "unerwünschter Inhalte" (z.B. China), die aber technisch (Satellitenverbindungen) schwer durchsetzbar ist.

Was man als positiv, neutral und negativ ansieht, ist nicht allgemein zu definieren. Die oben erwähnten Überwachungsmaßnahmen - beim Veröffentlichen wird mehr als beim Konsumieren das Argument der Terrorbekämpfung verwendet - betreffen hier nicht nur, WAS, WANN und WIELANGE angesehen wurde, sondern im Fall der Veröffentlichung auch, WAS, WANN, von WEM veröffentlicht wurde.

Man kann obige kritischen Bemerkungen im Sinne von Angriffen auf die Meinungsfreiheit, bzw. die Privatsphäre ansehen. Aber der Zugang zum Markt, der Einstieg ins Internet geschieht freiwillig. Wer zu Hause bleibt, bzw. keinen Netzzugang benutzt, von dem können auch keine Daten erfasst/ausgewertet werden. Allerdings könnte man dann als Einzelgänger angesehen werden, der offensichtlich etwas zu verbergen hat. Dieses Nichtmittun wurde in Diktaturen (Nationalsozialismus, Kommunismus, ...) immer wieder kritisch beobachtet, festgehalten und verfolgt.

In den letzten Jahren nehmen die sozialen Netze immer größeren Raum ein, ja sie drohen "klassische" Kommunikationsmittel (electronic Mail, News-groups) zu verdrängen.
Sie sind durch

gekennzeichnet.
Zusätzlich kommt eine Bewusstseinsänderung hinzu, die auf Privatsphäre kaum Wert legt. Die langfristigen Gefahren (z.B. Auswertung von Facebook-Profilen durch Personalabteilungen, ...) werden zunächst stark unterschätzt.

Aber es gibt heute auch einen sozialen Druck des Mitmachens. Es ist vielfach selbstverständlich, dass man jederzeit, an jedem Ort (7/24) per Mobiltelefon (und dieses entwickelt sich - insbesondere im Web 2.0 - immer mehr zu einem Universalendgerät) erreichbar ist. Man muss sich schon fast entschuldigen, wenn man das Mobiltelefon für längere Zeit abschaltet. (NB: in "1984" ist es ein Privileg der "inneren Partei", den "Televisor" (ein Zweiweggerät als Fenseher und Kamera) für kurze Zeit abzuschalten!)

Bedingungen für das Funktionieren der globalen Agora

Damals wir heute wurde das selbstverständliche Einhalten einer "Netiquette" vorausgesetzt. Das selbstverständliche Einhalten dieser "Benimmregeln" ist deshalb so wichtig, weil es weder auf der alten Agora noch im heutigen Internet eine zentrale Kontroll-/Strafinstanz gibt. (Es gibt aber dzt. starke Tendenzen, eine solche Instanz unter dem Vorwand der Terrorbekämpfung einzuführen.)

Diese Netiquette gilt besonders für gemeinsam gepflegte/erweiterte Web-Seiten. Da muss sich jeder Autor darauf verlassen können, dass niemand Inhalte anderer fahrlässig, als blöder Witz, oder gar böswillig verfälscht oder löscht.

Bei den sozialen Netzen mit ihrer hohen Tendenz zur Offenlegung auch persönlicher Informationen muss sich ein "Verhaltenskodex" erst herausbilden.

Jedes derartige Gemeinschaftsprojekt hat eine definierte "Verhaltensrichtlinie" (netiquette, code of due conduct, ...) Niemand kann gezwungen werden, sich daran zu halten, aber niemand kann später behaupten, er hätte es nicht gewußt.

Mittels "Ostrakismos" (Abstimmung mit Tonscherben) konnten aber bestimmte Personen, z.B. auf zehn Jahre von der Teilnahme am Markt (Verbannung aus der Stadt ... heute zeitweise Sperre des Accounts?) ausgeschlossen werden. Das ist eine basisdemokratische Aktion, die im Prinzip keine Zentralstelle braucht. Sie diente eher dazu, allzumächtige Bürger auf Zeit zu verbannen. Dieses Verfahren wurde nur selten, maximal einmal im Jahr gegen eine Person (wer die meisten Stimmen bekam, wurde verbannt) durchgeführt. Demgegenüber ist das sog. "Flaming" (Kommunikationausschluss durch Zuschütten der Inbox) viel unkontrollierter und nicht formalisiert, aber - entsprechend der Größe des Internet - mehrfach parallel anwendbar.

Nur der Administrator, der sonst sehr im Hintergrund steht, hat im Notfall die Möglichkeit, bestimmte Nutzer aktiv zu sperren oder Nachrichteninhalte ganz oder teilweise zu löschen. Hier wirken auf ihn landesspezifisch verschiedene gesetzliche Vorschriften oder firmeninterne Vorschriften, ... wesentlich ein.
Ein zu restriktives Vorgehen wird von den Nutzern der Mailing-Listen, der sozialen Netze ... als massive Zensur empfunden.

Versuche zur Realisierung der globalen Agora

Wikipedia

Ein Musterbeispiel ist hier die "Wikipedia" ein interaktives Lexikon im WWW, das durch jeden gelesen, aber auch korrigiert, erweitert werden kann. Um unabsichtlichen oder absichtlichen Informationsverlust zu vermeiden, kann man zwar jeden Artikel löschen, der alte Inhalt wird aber gesichert und kann wiederhergestellt werden. Erst durch mehrmaliges Löschen oder durch den Administrator erfolgt die endgültige Löschung.

Die Wikipedia funktioniert weltweit, in mehreren Sprachen und wächst (dzt. z.B. > 1 Million Artikel in der englischen Version).. Fallweises soziales Fehlverhalten ("Kriege" durch wiederholtes gegenseitiges Korrigieren/Löschen) blieb bisher unter Kontrolle.

Los Angeles Times - Wiki

In CACM 48 (2005) 9, S. 9 wird kurz über einen - fehlgeschlagenen - Versuch im Sommer 2005 berichtet, eine Wiki als öffentliches Diskussionsforum einzurichten.

Diese neue Form eines "opinion journalismus" bestand nur 72 Stunden.

Dabei stellte die Los Angeles Times ein Thema zur öffentlichen Diskussion in Form einer Wiki und bat ihre Leser den Grundsatzartikel ("Möglichkeiten eines Truppenabzuges aus dem Irak") kollektiv umzuschreiben, zu korrigieren und zu ergänzen.

Das Ziel wurde definiert als "a constantly evolving collaboration among readers in a communal search for truth."

Das Projekt wurde nach 72 Stunden abgebrochen, das der Schwall böswilliger ("inappropriate") Zugriffe die Fähigkeiten der Administratoren überforderte.

Nach drei Tagen endete leider dieser demokratische Versuch. War es Böswilligkeit (immerhin ging es um ein brisantes Thema), einfache Lust am Zerstören gepaart mit demokratischer Unreife?

Schade!

Blogs

In letzter Zeit treten "elektronische Tagebücher" (Blogs) zunehmend in Erscheinung.

An sich sind Blogs - sehr einfach strukturierte - normale Web-Seiten. Sie werden aber - wie ein Tagebuch - häufig aktualisiert und enthalten oft sehr persönliche Einträge.

Hier ist die selbe Tendenz zur öffentlichen Selbstdarstellung zu beobachten wie beim Gebrauch von Mobiltelephonen.

Soziale Netze

V. Risak